Es Lisbetche will am Samstag unbedingt ins Stadion. Nicht nur „zum Gucke“, sondern auch um selbst mit der Fußballmannschaft einzulaufen. Schließlich ist ihr in pastellfarbenem Schachbrettmuster designtes Kostüm in diesem Jahr die Vorlage für das aktuelle Fastnachtstrikot des FSV Mainz 05. Das Shirt wird nur für kurze Zeit und in limitierter Auflage zum Stückpreis von knapp 100 Euro angeboten. Dabei ist die „lustig Haut mit ihrer Knollenas“ nicht die erste aus der weitverzweigten Mainzer Schwellkopp-Familie, der diese Aufgabe zugeteilt wurde. Auch ihr spät angeheirateter Ehemann, es fidele Karlche, hatte zuvor schon das seltene Vergnügen, als modischer Vorlagengeber für die einmal im Jahr bei einem Heimspiel ganz besonders närrisch auftretenden Bundesliga-Kicker und deren Fans zu fungieren. Klinik auch für Kindsköpfe Keine Frage, dass die Lisbet vor ihrem großen Auftritt sich noch einmal in die Maske begibt und noch rasch in der Schwellkopp-Klinik vorbeischaut. Dort werden die bei vielen Mainzern beliebten Pappmaché-Figuren behandelt. Es wird ausgebessert, gepinselt, verschönert. Seit mehr als 60 Jahren ist die Schwellkopp-Familie fester Bestandteil des Mainzer Rosenmontags- und Jugendmaskenzugs. Die Figuren haben sich damit zu einem echten Markenzeichen der Mainzer Fastnacht entwickelt. In der Hechtsheimer Lagerhalle kann zur Not die ganze Sippe – sprich 30 erwachsen wirkende Gestalten und ein Dutzend Kindsköpfe – unterkommen. Und dort steht den Patienten bei Bedarf dann zum Beispiel ein „Fachmann für plastische Chirurgie“ zur Verfügung. Diese Aufgabe übernimmt Gilbert Korte, der über ein beachtliches Sortiment an Farben und Pinseln verfügt. Er ist, ganz nebenbei, auch der Präsident des kurz SKTC genannten Schwell Kopp Träscher Clubs. Dessen aktuell 263 Mitglieder sorgen dafür, dass die seit fast 100 Jahren zur Mainzer Fastnacht gehörenden Sympathieträger an den „tollen Tagen“ und zu anderen närrischen Anlässen von athletischen Männern, Frauen und Kindern durch die Straßen der Stadt und über ihre schönsten Plätze getragen werden. Sollte dabei mal etwas schiefgehen, einer der Träger beispielsweise stolpern und fallen und auch der Schwellkopp Blessuren davontragen, werden die ehrenamtlich tätigen Schwellkopp-Klinikärzte gerufen. Meist sind es aber keine Noteinsätze, die Peter Schickle, Spezialist für Innere Angelegenheiten, etwa das Reparieren der Tragekonstruktionen, und der unter anderem für Spritzengebrauch und Heißklebetechniken zuständige Allrounder Bill Uram übernehmen. Sie setzten auf geplante Operationen und ambulante Eingriffe, etwa dezente Verschönerungsarbeiten. Es Lisbetchen hat für ihren großen Auftritt im Stadion beispielsweise noch eine Extraschleife und eine goldene Ananas als zusätzlichen Hutschmuck bekommen. Ansonsten gab es vor einigen Tagen mit Blick auf die noch unklare Wetterlage am 16. Februar für die ganze Sippe vorsorglich einen Schutzanstrich mit Lackfarbe – auch Elefantenhaut genannt. Bildhauer Ludwig Lipp als kreativer Kopf Zwischen 25 und 35 Kilogramm bringt jede der großen Figuren auf die Waage, respektive die Schultern der Träger. Den ersten Schwellkopp überhaupt hatte der am Gartenfeldplatz beheimatete Bildhauer Ludwig Lipp, der seinerzeit als genialer Hersteller von Theaterplastiken aus Pappmaché galt, zur Fastnacht 1927 auf die Straße gebracht. Allerdings chauffierte der Sohn eines Steinmetzmeisters, der in der Stadt darüber hinaus auch Sandsteinreliefs, eine Bronzebüste für Baumeister Eduard Kreyßig und die Nagelsäule geschaffen hatte, seine als „lustige Mainzer Type“ gedachte erste Fastnachtsfigur noch im offenen Cabriolet. Wobei der gewählte Name „Eckstäähauwekopp“ früher als Schimpfwort für eine Person mit zu groß geratenem Kopf gebraucht wurde. Was denn ja auch für alle folgenden Generationen von Meenzer Schwellköpp sowie deren mittlerweile zwölf Kinder – von Kevin und Max bis zu Laura und Lotte – gelten sollte. Die Schwellkopp-Familie hat zuletzt 2007 Zuwachs bekommen. Ihr jüngstes Mitglied: der aus Kunststoff gefertigte Rickes. Mit seinem ausfahrbaren und drehbaren Kopf tanzt er ein bisschen aus der Reihe. Er ist der Einzige, der mit einer solchen Sonderfunktion aufwarten kann. Alle anderen 29 erwachsenen Schwellköpp, egal ob Mann oder Frau, gehen dagegen auf lediglich vier verschiedene Grundformen zurück, die den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden haben und später in die Hände der Fastnachter gelangten. Dass man heutzutage überhaupt so viel weiß über den „Meenzer Altstadt-Adel“, also die fast durchweg rotbackigen und rotnasigen Strunzer, Sprichbeitel und Schoppestecher, ist das Verdienst von Rudi Henkel, der sich als Ehrenpräsident des Mainzer Carneval-Vereins (MCV) von 1838 vor etlichen Jahren schon daran gewagt hatte, die unübersichtlichen Verwandtschaftsverhältnisse zu entwirren und jedem Schwellkopp eine eigene kleine Lebensgeschichte zu gönnen. Und so erfährt der interessierte Laie in einer inzwischen mehrfach überarbeiteten Genealogie, dass „die long Latt“ vermutlich ein Fehltritt von der Strunzern war, der treudoofe Hannebambel nach dem Motto „Komm ich heit nit, komm ich morje“ lebt und die Tante Eulalia die „Fraa vom Fleebutz“ ist und einem „gut Gläsje nie abgeneigt iss“. Wo immer die bunte Truppe auftaucht, etwa beim Kampagnenstart am 11. November am Mainzer Fastnachtsbrunnen, werden jede Menge Fotos gemacht. Denn die freundlich dreinblickenden Damen und Herren respektive deren Kinder sind, so überlebensgroß sie auch sein mögen, eher zum Knuddeln denn zum Fürchten geeignet. Und darauf, dass sie sich in der Öffentlichkeit sehen lassen können, achtet nicht zuletzt Hannah Hall, die den Klinikpatienten regelmäßig neue Kleider, nichtrutschende Röcke, vierfarbbunte Hutbänder, wehende Tücher und strahlende Schlipse verpasst; sowie bei Bedarf gern auch ein bisschen Kosmetik. Dabei können die Ausflüge ganz unterschiedlich sein: Am Samstag etwa werden Schwellköpp nicht nur im 05-Stadion und bei einem Benefiz-Kreppelverkauf am Staatstheater zu sehen sein. Vielmehr wollen sie sich als Mitmarschierer außerdem an einem „Großen Narrenaufstand für Vielfalt und gegen Hass“ unter der Überschrift „Narren gegen Nazis“ beteiligen. Für die Träger, die sich mit gepolsterten Schultern oft stundenlang ins Getümmel wagen müssen, gibt es gelegentlich sogar ein bisschen Fitnesstraining in der Sporthalle. Für die Nachwuchsgewinnung werden manchmal sogar eigene Castings ausgerichtet. Denn wer diese Aufgabe übernimmt, der muss nicht nur Muskel-, sondern auch Nervenstärke beweisen. Ob Kopp und Träger harmonieren, wird bei der Abschlussuntersuchung in der Klinik überprüft. Vergleichbar mit einem Gelassenheitstest bei Pferden werden die Teams mit bekannten Stimmungsliedern und flackernden Partylichtern auf ihre Fastnachtstauglichkeit hin überprüft. Nur wer diese Dauerbeschallung mindestens elf lange Minuten aushält, darf sich am Rosenmontag dann auch mit dickem Kopf unters feiernde Narrenvolk mischen.
